Stablecoin einfach erklärt

Was eine Bank von 1407 mit deinem USDT zu tun hat


Ein Kaufmann, eine Kiste Silber und ein Problem

Stablecoins einfach (historisch) erklärt: USDT wirkt ja immer wie eine Erfindung der Kryptowelt.
Die Grundidee dahinter ist allerdings schon über 600 Jahre alt und stammt aus Genua.

Stell dir einen Tuchhändler im Genua des frühen 15. Jahrhunderts vor.
Er schuldet einem Geschäftspartner eine größere Summe.
Bezahlt er (wie damals üblich) bar, muss er Münzen zählen, wiegen und durch die Stadt oder über Land schaffen lassen.
Das kostet Zeit, und auf dem Weg kann die Kiste jederzeit verschwinden.

Wenn du heute USDT an jemanden schickst, hast du dieses Problem nicht mehr.
Warum das so ist, erklärt eine Bank, die im Jahr 1407 gegründet wurde.

Die Casa di San Giorgio

Die Republik Genua gründete die Casa di San Giorgio im Jahr 1407.
Ursprünglich sollte sie die Staatsschulden der Stadt verwalten.
Ab 1408 arbeitete sie zusätzlich als öffentliche Bank.

Dort konnten Kaufleute Geld einzahlen, Kredite aufnehmen und sich gegenseitig bezahlen. Klingt eigentlich ganz banal, aber für die damalige Zeit war das etwas sehr fortschrittliches.
Das Entscheidende passierte in den Geschäftsbüchern.
Zahlte Kaufmann A an Kaufmann B, trug ein Schreiber den Betrag bei A aus und bei B ein.
Die eigentlichen Münzen blieben dabei im Tresor liegen.

Diese Bank bestand fast vier Jahrhunderte, bis sie in der napoleonischen Zeit aufgelöst wurde.
Ihr Gebäude, der Palazzo San Giorgio, steht aber noch heute am alten Hafen von Genua.
https://www.kunstundreisen.de/reisen/ligurien/genua/palazzo-san-giorgio-genua.html

Stablecoin einfach erklärt: Geld als Eintrag

Ganz neu war der Gedanke damals nicht. Europäische Händler nutzten schon länger Wechselbriefe: Man zahlte in einer Stadt bei einem Bankier ein und bekam ein Schreiben. Mit diesem Schreiben holte der Empfänger das Geld in einer anderen Stadt ab, ohne dass jemand Münzen z.B. über die Alpen tragen musste.

San Giorgio bündelte Einlagen, Überweisungen und Kredite erstmalig unter dem Dach einer öffentlichen Einrichtung.
Damit wurde Geld im Alltag der Kaufleute zu einer Zahl in einem Buch. Ökonomen nennen das seit jeher Buchgeld.

Du nutzt Buchgeld auch heute selber jeden Tag. Wenn du deinem Kumpel 50 Euro überweist, fährt ja auch heute kein Geldtransporter los. Deine Bank zieht 50 Euro von deinem Kontostand ab, die Bank Deines Kumpels schreibt 50 Euro bei ihm dazu. Bewegt hat sich nur eine Information. 

Tether und USDT: das Buch wird zur Blockchain

Tether (tether.io) gibt seit 2014 den Stablecoin USDT heraus.
Ein USDT soll einem US-Dollar entsprechen. Dafür hält Tether Reserven, zum größten Teil kurzlaufende US-Staatsanleihen, Gold und Bitcoins.

Das Grundprinzip kennst du jetzt schon aus Genua.
Die Dollar bleiben in den Reserven liegen, ähnlich wie die Münzen im Tresor von San Giorgio.
Was sich bewegt, ist der Eintrag. Nur führt diesen Eintrag heute kein Schreiber mehr, sondern eine Blockchain, also ein öffentliches Kassenbuch auf Tausenden Rechnern weltweit.

Schickst du 100 USDT z.B. über die BNB Smart Chain an jemanden, steht die Buchung nach wenigen Sekunden im Netzwerk. Das funktioniert 24/7, also im Gegensatz zur Bank auch sonntags um drei Uhr nachts, ganz ohne Bankschalter und ohne Überweisungsfrist und zu niedrigsten Gebühren (Gas-Fees).

Tether hat den Dollar also nicht neu erfunden.
Das Unternehmen hat dafür gesorgt, dass ein Dollarwert über Blockchain-Netzwerke wandern kann, ohne dass für jede Zahlung eine klassische Banküberweisung nötig ist.

Zurück nach Genua: Paolo Ardoino

Der heutige Tether-Chef Paolo Ardoino wuchs in Ligurien auf, also in derselben Region, in der San Giorgio gegründet wurde.
Er studierte an der Universität Genua, war zunächst Technikchef bei Tether und leitet das Unternehmen inzwischen als CEO.

Sechs Jahrhunderte nachdem Genua eines der wichtigsten Finanzzentren Europas war, führt also wieder jemand aus dieser Ecke ein Unternehmen, das die Art verändert, wie Dollarwerte um die Welt reisen.
OK ! Das ist wirklich ein Zufall, aber ein schöner. 😉

Ganz nebenbei: Auch Christoph Kolumbus stammte aus Genua.
Diese Stadt hatte offenbar schon immer ein Händchen dafür, Dinge über weite Strecken zu bewegen.
Und: Auch die Jeans hatte ihren Ursprung in Genua und machte sich von dort aus, in die ganze Welt auf.
Dies ist jedoch ein anderes, interessantes Thema. 😉

Was sich unterscheidet
und was gleich geblieben ist

Die beiden Modelle sind natürlich nicht identisch. Ein direkter Vergleich ist schwierig.
Denn, San Giorgio war eine öffentliche Bank, Tether ist ein privates Unternehmen, das digitale Token ausgibt.

Merkmal

Casa di San Giorgio (ab 1408)

Tether (heute)

Wer führt das Buch?

Schreiber der Bank

Blockchain-Netzwerke

Wer kann die Buchungen sehen?

Nur die Bank

Jeder, öffentlich einsehbar

Was liegt dahinter?

Münzen im Tresor

Reserven, vor allem US-Staatsanleihen

Wann geht eine Zahlung?

Zu Geschäftszeiten

Immer, rund um die Uhr

Wie weit reicht sie?

Kunden der Bank

Jede passende Wallet weltweit

Eine Sache ist allerdings gleich geblieben:
Das Vertrauen in den Herausgeber. Die Kaufleute in Genua mussten darauf vertrauen, dass die Münzen wirklich im Tresor lagen. Wer USDT hält, muss darauf vertrauen, dass Tether die Reserven tatsächlich besitzt.

Die Blockchain zeigt dir jede Bewegung der Token. Die Reserven selbst siehst du dort nicht. Dafür veröffentlicht Tether regelmäßig (teils täglich) Prüfbestätigungen einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Außerdem kann Tether als Herausgeber einzelne Adressen sperren, etwa bei Betrug oder Hacks. Das schützt Opfer, zeigt aber auch, dass hinter USDT eine zentrale Stelle steht.

Was du daraus mitnehmen kannst

Wenn dich jemand fragt, was ein Stablecoin eigentlich ist, hast du jetzt eine einfache Antwort:
Digitales Buchgeld auf einer Blockchain.

Für den Alltag heißt das:

  • Dein USDT ist ein Eintrag. Er hat nur den Wert, den der Herausgeber mit seinen Reserven absichert.
  • Das Netzwerk zählt. USDT gibt es auf mehreren Blockchains, zum Beispiel BNB Smart Chain (BEP20) und Tron (TRC20). Prüf vor jeder Überweisung, ob Absender und Empfänger dasselbe Netzwerk nutzen.
  • Stablecoin ist nicht gleich Stablecoin. Schau dir an, wer ihn herausgibt und womit er gedeckt ist.

Die Kaufleute in Genua haben vor 600 Jahren aufgehört, Münzkisten durch die Gegend zu schleppen, weil sie einem Buch vertraut haben. Heute heißt das Buch Blockchain, und die Frage, wem du vertraust, stellst du dir am besten genauso bewusst wie sie damals.



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